Das Tagebuch von Karl Karle

Während des Ersten Weltkriegs wurde Karl Karle dazu gezwungen, die meiste Zeit in Internierung zu verbringen. Sein erstes Notizbuch schildert seine Erlebnisse als Internierter in Lancaster im September 1914, seine Entlassung im Dezember, die Wiederaufnahme seines Zivillebens, und die Auswirkungen der Versenkung der Lusitania im Mai 1915 auf sein Leben. Das zweite Notizbuch setzt seine Geschichte fort, als er schon in Stobs interniert war. Es schildert das Lagerleben, Weihnachten, seine Versetzung nach Knockaloe im Juli 1916 und den darauf folgenden Anpassungsprozess. Das dritte und vierte Notizbuch befasst sich jeweils mit der restlichen Zeit des Krieges und sie schließen etwas unerwartet direkt nach Kriegsende. Das Tagebuch ist wichtig, weil es das Leben im Lager schildert und weil es die Schwierigkeiten der Internierten verständlich macht, als der Krieg zu Ende ging.

Als er zum ersten Mal interniert wurde, hatte Karl schon zehn Jahre lang in England gelebt. Seine erste Erfahrung als Internierter hat ihn offensichtlich schockiert. Seine Lage war durch den Umstand erschwert, dass der Staat sich schwer getan hat, mit der Anzahl der Betroffenen fertig zu werden. Das hat eine langfristige Auswirkung auf seine Haltung gehabt und führte zu einer Feindseligkeit gegenüber der Staatsmacht. Er wurde auch gegenüber Zeitungsberichten vom Kriegsgeschehen grundsätzlich skeptisch. Diese Einstellung hat sich während des Krieges weiterentwickelt. Dank der Bemühungen seiner Frau wurde er gegen Kaution entlassen und versuchte seine Metzgerei wie zuvor weiterzuführen, aber Ereignisse, die er nicht beeinflussen konnte, führten dazu, dass er nochmals interniert wurde – und zwar in Stobs.

Die Stobsiade wurde von vornherein zensiert, weil sie auch in Deutschland verkauft wurde. Aus diesem Grund wurden gewisse Sachen nicht erwähnt und andere wurden unterdrückt. Karls Schilderung war nicht so eingeschränkt und somit erfahren wir, dass die Vorbereitungen für Weihnachten 1915 weniger als optimal waren. Wir erfahren auch, dass die Gefangenen, indem sie zwischen den Zeilen gelesen haben, zu dem Schluss gekommen sind, dass die Skagerrakschlacht ein großer Sieg für die Deutschen war, den sie entsprechend gefeiert haben. Der Tod von General Kitchener durch die Versenkung der HMS Hampshire, die kurz danach geschehen ist, führte dazu, dass die Lieblingsgefangenen vom Lagerkommandanten sich besoffen haben und in Verruf geraten sind. Die Lagerbewohner hatten es gelernt, die britischen Zeitungen „in der falschen Richtung“ zu lesen und waren entsprechend zynisch über die Propaganda, die sie dort gefunden haben.

Die Versetzung der Zivilgefangenen von Stobs nach Knockaloe war für Karl ein sehr wichtiges Ereignis und er schildert in großer Detailtreue, wie es geschehen ist. Nach einer Zeit in der ihre Lebensumstände sehr eingeschränkt waren, muss der Wechsel, der mit so viel Unruhe und Veränderung verbunden war, einen starken Einfluss auf alle Betroffene gehabt haben. Nachdem sie ohne Probleme durch Schottland gefahren sind, wurden sie in England mehrere Male beschimpft, und sie erwiderten die Anfeindungen so gut es ging! Die Umgebung in Knockaloe war weniger freundlich als in Stobs, aber am Anfang waren die Lebensbedingungen nicht zu schlecht.

Genauso wie in Stobs, hat die Aussicht auf einen Gefangenenaustausch in Knockaloe zu großer Unruhe geführt, indem sie in vielen der Gefangenen eine Kombination von Hoffnung, Frust und Angst erweckt hat. Ernährung, und später auch Heizung, wurden zum Problem. Karls Schilderungen von 1918 haben sich zunehmend mit der Militärlage befasst. Es wird klar, dass es genauso wie in Stobs, zwischen den Gefangenen in Knockaloe sehr viel Spannungen und Konflikte gegeben hat, und Versuche, englische Zeitungen aus einer deutschen Perspektive zu lesen, wurden problematisch. Obwohl die Verwendung von Propaganda in diesen Zeitungen den Deutschen sehr offensichtlich war, merkt man, dass Karl die Tatsache, dass Deutschland den Krieg bald verlieren würde, nicht erkennen wollte. Obwohl die Gefangenen in Knockaloe internierte Zivilisten waren, während die Leute in Stobs Kriegsgefangene waren, scheinen ihre Reaktionen und Stresserfahrungen sehr ähnlich. Es gibt keinen Zweifel, dass Internierung auf alle Gefangenen eine schädliche Wirkung hatte und Karls verzweifelte Schilderung der letzten Geschehnisse des Krieges, fast unter Ausschluss der Ereignisse im Lager, veranschaulicht wie er und seine Mitgefangenen durch Vorkommnisse, die sie nicht verstehen konnten, unterdrückt wurden.