Stobsiade Nr.17(31)

Nr. 17(31),  Stobs, Januar 1918

 

Zu Sylvester.

„Und wir wollen nicht traurig sein: dass wieder ein Jahr vorbei und wie törichte Kinder klagen : es habe nicht gehalten und erfüllt, was es versprochen. Das Jahr verspricht nichts. Das Jahr ist nichts. Wir sind das Jahr und wir müssen erfüllen, was wir wünschen!

Und wir wollen Geduld haben und Kämpfer bleiben und uns nichts Vortäuschen : was unseren Wünschen entgegensteht, es habe keine Berechtigung!

Wir wollen nicht blind sein!

Wir sind einige von Millionen und Abermillionen und müssen sehen, wie wir zurechtkommen und durchfinden. Wir müssen das Leben nehmen, wie es ist, so weh es uns tut, und nicht bloß, wie wir es möchten. Wir wollen seinen Forderungen und Nüchternheiten Rechnung tragen, soweit wir können, freilich ohne dass es uns die Quellen verschüttet, aus denen wir Schöpfern. Sonst finden wir überhaupt nicht mehr durch!

Wir wollen uns stählen damit und hart machen, bis wir so stahl und hart geworden, dass wir es sind, die ihm befehlen!

Aber wie es uns die Quellen nicht verschütten darf, so soll es auch das Ziel uns nicht verwerfen, nach dem wir wandern, und unser Glaube daran soll am Himmel stehen, wie jener Stern, der die drei Weisen aus dem Morgenlande ihren Weg finden ließ.”

 Cäsar Flaischlen. [Aus der Sammlung : „Heimat und Welt“, Verlag Egon Fleischel & Co., Berlin].

DIE NUMMER SIEBZEHN berichtet über die Weihnachtstage im Lager und führt in das neue Jahr ein; sie enthält außerdem die Beiträge AUSTAUSCH und NORDLICHT. Die Nummer schließt mit dem 31. Dez. 1917.

 


 

Wie wir Weihnachten feierten

 

Die Weihnachtstage sind vorüber und indessen ist die rastlos entfliehende Zeit schon wieder ein Stück weitergeeilt. Wir sind durch die stillen Tage nach dem Feste hindurch gegangen, in denen eine so eigenartige Abschiedsluft dämmert und webt und die uns fast etwas wehmütig und nachdenklich machen wollten: wir mussten ja an Sylvester wieder ein Jahr schwinden sehen und uns bescheiden mit unserem Los, auch für das kommende Jahr. Doch es galt, beherzt hinüberzutreten, mit frischem Mut, mit neuen Vorsätzen und neuem Hoffen.

Alltag umgibt uns wieder mit seinem Getriebe. Die Aufgaben eines neuen Jahres stehen vor uns und wollen gelöst sein. Mit festen Entschlüssen gehen wir daran, das früher versäumte nachzuholen und neue Werte für uns zu schaffen. Wir müssen mit wachen, offenen Augen an unsere Arbeit gehen und das Ziel nicht verlieren. Aber während wir unseren Weg weiterschreiten, horchen wir auch nach innen. Horchen auf ein leises Klingen, das noch in uns nachtönt. Erinnerung an vergangene Tage begleitet uns überallhin im Leben und vermischt sich mit dem lauten Lärm des Werktags, nur in ruhigeren Stunden deutlich vernehmbar, in denen man sich besinnt auf sich selbst und auf die Welt, die um uns ist. Festzeiten wie die jetzt vergangenen sind hier auch immer Zeiten solchen Besinnens. Da steigen die alten Erinnerungen wiederbelebt auf, eine um die andere, eine froher als die andere, alte vertraute Bilder, von tieferem Empfinden geweckt, in farbengetreuer Wiedergabe und mit frischer Leuchtkraft. Die Bescherungsabende der Kindheit, Weihnachts- und Sylvesterfeiern der Jugend, daheim im Elternhaus, im trauten Kreis der Familie oder sonst wo mit Menschen, die uns nahestehen. Aber noch einen anderen Sinn bat das Fest, auch für uns und gerade für uns, der nicht nur auf Vergangenheit, sondern auch auf Gegenwart und Zukunft hinzeigt: dass der Frieden, der einst den Menschen verkündet wurde, auch in unser Herz einziehe in der richtigen Erfüllung der Pflicht gegen die andern und gegen uns selbst.

Tagelang bereitete man sich schon im Lager auf die kommenden Feiertage vor. In jeder Hütte war großes Reinemachen. Mit vereinten Kräften wurde der kleine Tannenbaum hergerichtet und jeder half mit der ihm eigenen Kunstfertigkeit, ihn zu schmücken, so gut es bei den verfügbaren Mitteln ging. Bei allen sah man den Wunsch, das Fest so würdig als möglich zu begehen, der am deutlichsten zum Ausdruck kam in der Weihnachtsfeier, die am Heiligabend in der tannengeschmückten Halle des AB und CD-Lagers veranstaltet wurde.

Die Feier wurde eröffnet mit der Ouvertüre zu Rosamunde von Franz Schubert, deren ganzer Melodienreichtum im Spiel der Lagerkapelle feinen und duftigen Ausdruck fand. Dann folgte eine einleitende Ansprache des evangelischen Geistlichen. Mit einfachen aber packenden Worten wies er auf die Bedeutung der Stunde hin. Heimatbilder, Heimaterinnerungen weckte er in den Herzen seiner Zuhörer und schloss mit der frohen Aufforderung, deutsche Weihnacht um uns und in uns zu feiern, deutsche Weihnacht und christliche dazu. Das gemeinsam gesungene Lied „Stille Nacht” erhöhte und vollendete noch die festliche Stimmung, in die uns seine Worte versetzt hatten. Um auch dem Scherz und der heiteren Freude ein kleines Recht zu verschaffen, wählte der katholische Geistliche für seine Ansprache einen leichteren Gegenstand. Doch barg auch seine Rede, wenn auch versteckt hinter humorvollen Worten, die ernste und wohlgemeinte Mahnung für uns alle, Eintracht und Verträglichkeit untereinander zu üben, wie es ja das Fest der Liebe verlangt. An ein Lied des Militär-Gesang-Vereins im AB-Lager, des Gesang-Vereins Frohsinn' im CD-Lager schlossen sich Rezitationen mit weihnachtlichem Inhalt und Einzel - Vorträge, die ganz zum Gepräge der Feier passten. Sie endete mit dem Chor der Friedensboten aus der Oper „Rienzi” und dem gemeinsamen Lied „O, du fröhliche”. Eine ähnliche, kleinere Weihnachtsfeier wurde im Lazarett des Lagers veranstaltet. Alle Kranken nahmen daran teil mit Ausnahme derer, die das Bett nicht verlassen konnten. Der evangelische Geistliche hielt einen Abendgottesdienst mit Predigt und Gesang; die Feier wurde beschlossen mit einer Gabenverteilung.


 

Zum neuen Jahr.

 

Wieder ein Jahr ist in die Ewigkeit hinabgesunken, ein Jahr, dessen gewaltige Ereignisse die meisten von uns im Zwang des Geschicks untätig als stille Zuschauer hinter dem Stacheldraht des Kriegsgefangenenlagers miterleben mussten.

Was wird uns 1918 bringen? wird es uns die heiß ersehnte Freiheit wiedergeben? wird es uns endlich — als tätige, bewusst mit schaffende Glieder in unser Volk wieder einordnen, damit wir unsere Kräfte wieder anspannen lernen; damit wir mitarbeiten können an der Heilung der schweren Wunden, die der Krieg überall geschlagen hat; mitarbeiten an dem Ausbau unseres deutschen Vaterhauses, auf dass es heller, freier, gesünder werde für alle, die in ihm wohnen; mitarbeiten an der Lösung der großen Menschheitsfragen, die der Krieg mit seinen Folgen gebracht oder lauter, dringender gestellt hat?

Möchte ein gütiges Schicksal es geben, dass unser heißer, unser einziger Wunsch, der Wunsch frei zu sein, um mitarbeiten zu können, sich erfülle! Aber eine Frage dürfen wir, wenn wir ehrlich sein wollen, uns nicht verschweigen : können wir sagen, dass wir aus den furchtbaren Ereignissen der letzten vier Jahre die vollen Lehren gezogen haben? können wir sagen, dass uns die Erkenntnis in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass in dem großen Weltgeschehen nur das Volk als Ganzes zählt, und dass jeder Einzelne, der sich in Denken, Fühlen und Handeln vom Volke loslöst, versickern muss, wie der Tropfen im Sand versickert, der von der Welle losgelöst ans Land gespritzt wird? Ist uns aufgegangen, dass wir, wenngleich getrennt durch Anschauung, Erziehung, Bildung, Reichtum oder Stellung, doch ein großes Volk sind, auf Tod und Leben miteinander verbunden, einer auf den andern angewiesen, jeder verpflichtet, den andern zu tragen und zu fördern, jeder, für den andern verantwortlich? Ist es uns klar geworden, dass jeder der durch Kenntnisse, Lebenserfahrung, bessere Erziehung seinen Kameraden etwas zu geben hat, verpflichtet ist zu geben, und dass jeder andere verpflichtet ist anzunehmen und zu streben, dass auch er bald in irgend einer Form ein gebendes Glied des Volkes werde? Haben wir aber vor allem eingesehen, dass so vieles von unserem früheren Tun fruchtlos war, weil es an der wahren freudigen Herzenswärme dabei fehlte, der Herzenswärme die gern gibt  und gern nimmt, die das Leben froh macht, auch wo es hart ist ?

Wenn man unsere Lagerbewohner in ihrem Verkehr untereinander beobachtet, so will es scheinen, als hätten diese Erkenntnisse noch nicht jeden von uns tief genug durchdrungen, als seien sie noch nicht überall Tat geworden. Möchte ein gütiges Geschick auch geben, dass wenn uns im neuen Jahr die Freiheit geschenkt wird, sie uns in Herz und Sinn wohl vorbereitet finde für die großen Aufgaben, die daheim unser aller warten.


 

Austausch

 

Welchen Klang hat das Wort Austausch für die Ohren eines Kriegsgefangenen? Es ist eine Zauberformel, die mit einem Ruck das einförmige Gedankenspiel jedes P. o. W. unterbricht und ihn in die hellste Aufregung zu bringen vermag, wie er sie selbst kaum für möglich gehalten hat. Denn Aufregung schlechthin gibt es für einen alten „Stobser” nicht mehr. Diesen üblen Gemütszustand hat er endgültig aus seinem Seelenleben gestrichen. Er betrachtet ihn nur mehr als eine Art Kinderkrankheit, die keinem erspart bleibt und die jeder einmal durchmachen muss. Als Neuangekommener, da kann man sich über die geringste Kleinigkeit aufregen und meint oft aus der Haut fahren zu müssen. Aber ist man erst einmal soweit in der Erkenntnis vorgedrungen, dass man einsieht, es nützt doch alle Ungeduld nichts, dann ist die schlimmste Zeit schon überstanden. Man spinnt seine Gedanken ein und wird kühl und gelassen bis ans Herz hinan. „Nur keine Aufregung”, das wird zur obersten Lebensregel im Dasein des Kriegsgefangenen. Aber wie jede Regel, so hat auch diese ihre löbliche Ausnahme, und wie heißen die Zauberworte? „Austausch und „Holland”. Diese beiden Namen können die seelische Ruhelage ; aus dem Gleichgewicht bringen und alle gefassten Vorsätze über den Haufen werfen. Wie der Keim einer gefährlichen Krankheit spuken sie in Kopf und Gliedern ihrer auserwählten Opfer. Man merkt eigentlich gar nicht, wenn man davon angesteckt wird. Trägt man indes diesen Krankheitserreger einmal in sich, so entwickelt er sich lustig weiter und wächst sich im Zeitraum von 18 Monaten zu einem sehr ansehnlichen Ding aus, um den hier gebräuchlichen Fachausdruck zu vermeiden. Man konnte dies alles deutlich genug beobachten an unseren Hollandkandidaten, wie sie hießen, die uns Mitte Dezember verlassen haben und die nun, so hoffen wir, bereits am Ufer ihrer Sehnsucht gelandet sind.

Schon im Juli vorigen Jahres, als die ersten dunklen Gerüchte umherschwirrten, ging das Einpacken los. Wie sich später mit trauriger Gewissheit herausstellte, war es zwar reichlich zu früh, aber wer kann denn auch alles schon im Voraus wissen? Und zu früh bei einer Sache ist immer noch besser als zu spät. Ausgiebig und mit kluger Platzberechnung wurde denn gepackt und gehämmert. Und so manche Milchkiste wurde aus der Kantine erstanden gegen Bezahlung freilich und verwandelte sich in wenigen Tagen in einen sauberen, feldgrauen Reisekoffer. Mit wahrer Gier wurden die Zeitungen gelesen, Kriegsschauplatz und Politik, bisher Hauptgesprächsstoffe, schnöde beiseitegeschoben. Dafür wurden umso eifriger die Verhandlungen im englischen Unterhaus durchgestöbert oder sonstige amtliche und nichtamtliche Nachrichten, in denen etwas vom Austausch gewittert wurde. Wortgefechte entwickelten sich, wenn es galt, hinter einer englischen Redewendung mit aller Sprachkenntnis einen deutschen Sinn aufzuspüren. Jeder war natürlich darein verbissen, seine Auffassung sei die einzig richtige; und die gab je nach Stimmung und Gemüt einen anderen Ton. Der Optimist sah sich schon in einem hübschen holländischen Quartier, der Pessimist glaubte überhaupt kein Wort von der ganzen Zeitungsflunkerei, aber auch er packte fein säuberlich seine Siebensachen zusammen. Mit dem Zeitungslesen allein war es aber noch lange nicht getan. In stundenlangen Erörterungen am Ofen wurde die große Frage in alle ihre Wenn und Aber zerlegt. Man war überhaupt für nichts anderes mehr zu haben. Man hatte zwei Seelen in der Brust, die gewöhnliche, die in ihrem stacheldrahtbegrenzten Dasein matt und verstört umherflatterte, und eine höhere bessere, die schon um holländische Windmühlen schwebte. So verging in Harren und Hoffen ein Monat nach dem andern. Doch endlich schlug die erlösende Stunde.

An einem Dezernbermorgen haben -sie uns verlassen, unsere Holländer. Am oberen Tor war großes Abschiednehmen von Freunden und Hüttennachbarn. Da standen sie nun, die Ureinwohner von Stobs, die vom .„Gneisenau”, vom „Blücher” und von den ersten Flandernkämpfen. Darunter solche, die während ihres Hierseins viel für das Lager getan hatten. Die einen hatten als Lehrer an der Schule oder in Bücherei und Arbeitsraum eine gemeinnützige Tätigkeit ausgeübt; andere als Mitbegründer und Mitglieder von Vereinen, die zur Unterhaltung und Belehrung, zur Pflege von Musik, Theater und Sport im Lager ihren Teil beitragen; andere wieder als Vertreter von Dr. Markel und vom Verein Christlicher junger Männer”. Und nicht zuletzt Herr Obermaschinist Schulz, der mit Tatkraft das oft nicht leichte Amt eines Lagervorstandes bekleidet hatte. Bald zogen sie unter den Abschiedsgrüßen der Zurückbleibenden die Straße hinaus, die gleiche Straße, auf der sie einst vor vielen Monaten gekommen waren. Droben an der Wegbiegung warfen sie noch einen letzten Blick auf das Lager zurück, das in weißem Schnee-Gewand da lag, um den Scheidenden nicht einen gar zu grauen Eindruck mitzugeben. Dann nahm sie der Wald im Talgrund auf und bald trug der Wind das Stampfen und Fauchen des Zugs herüber, der sie wegführte.

 


 

Nordlicht

 

Das Dasein eines Gefangenen ist im wörtlichsten Sinne farblos und sein einziger Farbengenuss inmitten eintönig feldgrauer und khakifarbener Umgebung besteht gewöhnlich aus den leuchtend roten oder blauen Monden auf Rock und Beinkleid seiner Mitgefangenen. So wird ihm jegliche irdische oder himmlische Lichterscheinung zum Ereignis. Locken schon die prächtigen Morgen und Abenddämmerungen der Wintersonnwendzeit viele auf den Hügel, so gabs an einem Sonntag der Dezembermitte zwischen 9 und 10 Uhr abends nur wenige, die nicht, der bitteren Kälte zum Trotz, draußen im Schnee standen und bestaunten, was am Himmel vorging.

Vor uns im Norden bis zu einer Höhe von etwa 50 Grad ein Gewölk in gleichmäßig grünem, wie bengalisch leuchtendem Licht über dem Sehkreis. Darüber ein großer nur von Sternen besäter, dunklerer Raum, bis sich in Höhe des Polarsterns, von West nach Ost ein grünlicher Gürtel über den Himmel spannt, nicht wie die Milchstraße mit dämmerigem, gleichmäßigem Licht schimmernd, sondern ein immerfort zuckendes, aus Strahlenbündeln zusammengesetztes Band, das alle in seinem Bereich stehenden Sterne unter der zweiten Größenordnung austilgt. Die Bewegung der Strahlen geht meist mit ihrer Richtung, auf einen erst noch unsichtbaren Ort in der Nähe des Scheitelpunkts hin, bald auch verschicken sich die Bündel blitzartig schnell senkrecht dazu in sich selbst gleichlaufendem Sinne. Den westlichen und östlichen Abschluss des etwa 30 Grad breiten, grünen Strahlengürtels bildet je eine ruhig rote Farbenzone, die vom Sehkreis bis nahezu 60 Grad gegen den Scheitelpunkt hin ansteigt. Nach einer halben Stunde erscheint die Korona, gleich einer grün leuchtenden, strahligen Wolke und wandert allmählich südwärts ab, während die Lichtstärke der ganzen Erscheinung ausklingt, bis alles verschwunden ist und nur noch das Gewölk im Norden in langsam erlöschenden Farben schimmert. Und nun war’s auch Zeit, sich zurückzuziehen ; denn eben bliesen unsere Hornisten auf Trompeten, die vor Kälte heiser waren, den Zapfenstreich.


 

Arbeitslager - Rundschau.

 

Dalmellington (Loch Doon).

 

Ein abgebrochenes Tagewerk.

Die Lampen sind gelöscht, auf das Signal strömt alles dem Tor zu. Ein feuchter Nebel beginnt Hütten und Drahtgitter in dichtes Gewebe einzuspinnen. Die Berge sind schon versunken im Dampf. Auch der See muss das Wetter spüren: er liegt so grau und unruhig unter den Schleiern. Wir sind auf dem Arbeitsplatz angelangt. Ein feiner Sprühregen fängt an, zu stäuben und, Mantel zugeknöpft, Kragen hoch, machen wir uns ans Werk. Aber der Spaten will heut gar nicht fassen, der Rollwagen ist noch nie so schwer gefahren und im Bruch die Steine sind auch hartnäckiger als sonst. Langsam wir das feuchte Sprühen lästiger. Am besten, man ruht etwas aus. Nur einer schaufelt weiter: „Schafft, wird euch schon warm werden.” Zuletzt steht auch er neben dem Spaten, Rücken gegen den Wind, die Hände tief in den Taschen. Man muss sich allmählich nach einem Unterschlupf umschauen. Die viere dort verlassen auch ihren Rollwagen und ducken sich hinter einem gekippten Karren, hinter eine Mauer, andere schlüpfen in Irgend ein Erdloch, durch ein paar Bretter gedeckt. Der Blick wird missmutig, nicht einmal mehr die Pfeife schmeckt. Man lugt durch den Nebel zu den Nachbargruppen aus: auch die suchen Deckung; man lugt zum Himmel auf, der will nicht heller werden. Endlich, ein Pfeifensignal: Abrücken! Im Eilmarsch gehts zum Lager, wo der Ofen bald wieder Behaglichkeit um sich sprühen wird.


 

Stobser Chronik.

 

GEDÄCHTNISFEIER.

 

In der Frühe des Totensonntags wurden auf dem Friedhof Kränze an den Gräbern unserer verstorbenen Kameraden niedergelegt. Abends fand in der Halle eine Feier statt. Eine Ansprache war dem Opfertod derer gewidmet, die für die Zukunft ihres Volkes ihr Leben hingegeben haben. Außerdem wurden ernste Gedichte und Musikstücke für Gesang und Orchester vorgetragen.

SPORT IM VERGANGENEN JAHR.

 

Ungünstige Witterung und das Abwandern vieler Freunde des Sports in Arbeitslager waren diesmal der sommerlichen Spielzeit nachteilig. Das Fußballspiel stand um die Jahreswende 1916 auf 1917 auf der Höhe seiner Leistungen und bewegte sich im Lauf des Sommers in bescheideneren Bahnen. Der Sportverein „Olympia” löste sich im Frühjahr ganz auf, „Deutschland” und „Sportverein” blieben bestehen, obwohl sie Teile ihrer Mannschaft verloren hatten ; sie taten, was in ihren Kräften stand, die Stockung zu überwinden. Als im Herbst neue Kameraden ins Lager kamen, lebte die Sporttätigkeit wieder auf. Eine Gruppe aus Pattishall trat dem „Sportverein” bei, trug aber ihre Spiele getrennt auf dem großen Platze aus.

Daneben wurde viel Faustball gespielt, besonders auch vom „Turnverein”. Die drei Spielplätze, die zur Verfügung ständen, waren selten unbenutzt und manches Wettspiel erregte große Teilnahme. Versuche, das Schlagballspiel wieder hoch zu bringen, misslangen; Tennis wurde in beschränktem Umfang gespielt. Die Volkstümliche Abteilung des Turnvereins” hielt Übungen ab in leichter, der Sportverein „Deutsche Kraft” in schwerer Athletik. Trotz der Beschränkungen, die dem Sportbetrieb dieses Jahr auf erlegt waren, erfüllte er so seine Bestimmung: die Erhaltung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

KUNST -WETTBEWERBE.

 

Auf Anregung des Lagers hat sich Herr Dr. Markel in London bereit erklärt, hier stattfindende Kunst Wettbewerbe mit regelmäßigen Geldbeiträgen zu unterstützen. Zum Bewerb zugelassen sind selbständige Werke der Zeichen und Malkunst, Kopien sind ausgeschlossen ; als äußerste Größe ist 25:35 cm festgesetzt. Mit Genehmigung des Lagerkommandanten wird in Hütte 30 ein Zeichenraum für künstlerisches Zeichnen eingerichtet, der täglich vormittags und teilweise auch nachmittags zur Verfügung stehen wird.


 

Vereinsberichte.

 

[Diese Berichte stehen außerhalb der Verantwortlichkeit der Schrittleitung].

Militär-Turn-Verein Stobs.

Anstelle des ausscheidenden Kameraden Dickenscheid -wurde Kamerad Lapaczewski zum Vereins - Vorsitzenden gewählt. Der Turnbetrieb in den Monaten Oktober und November 1917 war recht rege und betrug durchschnittlich 64 Mann für jeden Turnabend, Die turnerischen Leistungen sind ganz ausgezeichnet. Der 4. Vereins-Unterhaltungs-Abend, für das ganze Lager veranstaltet, kann wohl mit Recht als die bisher bestgelungene Aufführung des Vereins bezeichnet werden. Es waren drei Aufführungen notwendig, die am 6., 7. und 9. Oktober stattfanden und an die beteiligten Mitglieder große Anforderungen stellten, da noch die Generalprobe, zu der die hier liegenden Invaliden und Hospital-Kranken geladen waren, am Freitag voranging. Die Veranstaltung hatte einen vollen Erfolg, was durch das jedes Mal ausverkaufte Haus am besten bewiesen wurde. Auch die Lagerkapelle wirkte in altbewährter Weise mit. Eingeleitet wurde der Abend mit Stabwinde-Übungen, die trotz ihrer Schwierigkeiten von den fünf Turnern fehlerlos ausgeführt wurden. Rezitationen von Kamerad Rumpff fanden allgemeinen Beifall und das nachfolgende Kürturnen am Hochreck zeigte die außerordentlich gute Durchbildung der Turnenden : ebenso fanden die Flachgruppen ohne Geräte großen Anklang. Ganz besonders reizend war das vom Turnwart Schneiderat ausgeführte Keulen- und Fackelschwingen. Den Höhepunkt des Abends bildete die Akrobatische Pantomime, die unter dem Titel Wahrheit und Schiebung ganz hervorragende Leistungen brachte und mit einem riesigen Heiterkeitserfolg endete, sowie die zum Teil selbstverfassten Heiteren Vorträge des Kameraden Lapaczewski, der in seinem „Stobser Allerlei” das hiesige Lagerleben glossierte und mit dem „Giessbock-Tanz-Couplet wahre Lachsalven entfesselte. Giessbock ist der Schlager von Stobs geworden. Allen Mitwirkenden sei hier nochmals gedankt. Für Mitte Februar ist ein neuer Unterhaltungsabend geplant. O. L.

Das Volkstümliche Konzert am 9. und 10. Dezember zeigte das erfreuliche Resultat, dass unsere Lagerkapelle unter Spindlers Leitung wieder wie im vorigen Winter ein selbst recht musikalisches Publikum zu befriedigen weiß. Stürmischen Beifall fanden besonders S. Ochs Kommt ein Vogel geflogen (humoristisch bearbeitet im Stile älterer und neuerer Meister), sowie zwei von Spindler gespielte Geigen-Soli: Berceuse von B. Godard und Der Kanarienvogel von N. Polackin. Außerdem spielte die Kapelle noch die Ouvertüre zu „Zampa“ von G. Herold; „Wiener Bürger“, Walzer von M. Ziehrer; „Künstlerleben“, Walzer von Johann Strauß und die Ouvertüre zu „Leichte Kavallerie“ von Franz von Suppé — Die Einteilung des Programms hätte geschickter sein können. Nach Spindlers Solis wirkten die letzten drei Nummern etwas ermüdend.

M. Wendt.

Dramatischer Verein. Dezember: Aufführung von : Der Revisor, Komödie in fünf Aufzügen von Nikolaus Gogol.

Dramatischer Verein. Weihnachts-Aufführung : „Ein Fallissement“, Schauspiel in vier Aufzügen von Björustjerne Björnson.

Am 9. und 11. Dezember veranstaltete der Dramatische Verein in Verbindung mit der Lagerkapelle eine Wohltätigkeitsvorstellung zu Gunsten einer Weihnachtsgabe für die neuangekommenen Verwundeten. Nach Vorträgen der Lagerkapelle, Rezitation von Gedichten und einem. Gesangsvortrag gab der Dramatische Verein das Lustspiel Der zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist.

Der Gesangverein Frohsinn gab unter Mitwirkung der Lagerkapelle am 15. und 16. Dezember ein Konzert mit folgendem Programm : „Das deutsche Lied“ von Kalliwoda ; Ouvertüre zu Calif von Bagdad von Boieldieu ; Heimatsehnen von Jüngst; Fantasie aus Postillon von Lonjumeau von Adam ; Der Trompeter an der Katzbach“ von Möhring ; „Schön - Rohtraut“ von Veit; „Rosen aus dem Süden“, Walzer von Strauß ; „Das rheinische Mädchen“ von Krämer; „Ernst - August - Marsch“ von Blankenburg; „Rheinweinlied“ von Mendelssohn-Bartholdy.

 


 

Mitteilungen.

ZUWENDUNGEN.

 

Aus den Geldspenden, die uns bis jetzt zugegangen sind, wurden überwiesen : 300 Schilling an die Lagerschulen des Lagers Stobs und der zugehörigen Arbeitslager; sie wurden zu 2 Fünfteln der hiesigen, zu 3 Fünfteln den Schulen der Arbeitslager im Verhältnis ihrer Größe zugeteilt.

70 Schilling, davon 30 Schilling bar von Frau Rosa Engelhardt, Baden-Baden, als Weihnachtsgabe an die Verwundeten im Lazarett.

50 Schilling als Weihnachtsgabe an bedürftige, neuangekommene Kameraden, besonders im C-Lager. Den freundlichen Spendern sei auch hier herzlicher Dank dafür ausgesprochen.


 

LIEBESGABEN- LISTE.

Vom 26. November bis zum 25. Dezember sind bei der Schriftleitung folgende Liebesgaben ein gegangen:

Von der Kriegsgefangenenhilfe, Hannover (gestiftet von Konzertsängerin Fräulein Marie Woltereck); 5 Hefte Noten für Gesang mit Klavier.

Von Herrn Dr. Reinecke und Frau, Breslau : 1 Ullstein-, 1 Reklamband.

Von Freifrau von Hünefeld, Berlin-Südende: 600 Zigaretten, 2 Schachteln Konfekt, 4 Bände Romane.

Von Firma Anschütz & Co., Neumühlen bei Kiel, zwei Sendungen: Brieftaschen, Zigarettenbehälter, Bestecke, Taschenspiegel, Sicherheitsnadeln, Patentknöpfe, Zigaretten.

Vom Ausschuss zur Versendung von Liebesgaben an kriegsgefangene Akademiker, Berlin 57 Weltimappen, Gemälde und Radierungen des Künstlers mit einer Einführung von Hermann Hesse. Die Noten wurden dem Konzertsänger Vize-Feldwebel Bachenheimer, die Bücher den Büchereien des Lagers Stobs und eines Arbeitslagers zur Verfügung gestellt, die Weltimappen unter den hiesigen Akademikern als Weihnachtsgabe verlost; Zigaretten und Konfekt wurden unter die Invaliden und die beiden Sendungen von Anschütz & Co. an Kameraden verteilt, die sich um das Lager verdient gemacht haben. Geldspenden sandten an unsere Geschäftsstelle in Erfurt:

Freifrau von Hünfeld, Berlin Südende                                      Mk.        30.

Bochumer General-Anzeiger, Bochum                                                             10.

Herr Konsul Lieckfeld, Stettin                                                                   20.

Herr Paul Spielhagen, Wittenberg an der Elbe                                   29.

 

Bei der Schriftleitung gingen ein: Von Fr. R. Engelhardt, Baden-Baden Mk.50.—, sie wurden gemäß dem Wunsche der Spenderin verwandt (siehe unter Zuwendungen). Über die Verwendung der übrigen Gaben berichten wir später. Allen freundlichen Gebern herzlichen Dank!

SCHRIFTLEITUNG. Die Herren Marine-Zahlmeister-O.-Asp. Awe, Vizewachtmeister Stenger und Unteroffizier Merkle sind von Stobs fortgekommen, um nach Holland ausgetauscht zu werden. Am 24. Dezember trat Herr Vizefeldwebel Scheftlmayr in die Schriftleitung ein.

DIE SAMMELMAPPEN für die Stobsiade“ sind wieder verkäuflich ; sie haben sich durch bedeutende Erhöhung, der Herstellungskosten etwas verteuert.

AN UNSERE LESER IN DEUTSCHLAND.

Der „Christliche Verein junger Männer“ und die „Gesellschaft der Freunde“ in England, die schon viel zur Erleichterung unserer Lage getan haben, durch Errichtung von Versammlungs-, Unterrichts- und Handwerkerräumen, wie auch durch Bücherspenden, teilen uns mit, dass es immer schwieriger wird, dem Verlangen englischer Kriegs- und Zivilgefangener in Deutschland nach Sendung englischer Bücher in gewünschtem Masse zu entsprechen. Wäre es nicht möglich, dass unsere deutschen Leser entbehrliche englische Bücher den englischen Gefangenen zur Verfügung stellen, so wie uns hier deutsche zur Verfügung gestellt wurden. Der Ausschuss — Dr. Elisabeth Rotten, Berlin N. 24, Monbijouplatz 3 erteilt gern nähere Auskunft. Es würde uns freuen, wenn viele unserer Leser diese Bitte erfüllen würden.


 

Rätselecke.

 Auflösungen:

Aufgabe A : Ton, Leiter Tonleiter.

Aufgabe B : Der Schmied erhielte für die 32 Nägel des Hufbeschlages: 42.949.672 Mark 95 Pfennige.

Aufgabe:

Den freien Mann, der im Gemüte,

Fehlt ihm auch Helm und Wappenzier,

Den Stempel trägt erlauchter Güte,

Benennt mein Wort, mein erstes, dir.

Mein zweites leuchtet farblos helle,

Wo Busch und Baum in Blüte stehn ;

Doch ist es aller Farben Quelle,

Der Abgrund, drin sie untergehn.

Mein Ganzes winkt von steiler Firne

In makellosem Samtgewand,

Und prangt im Kranz der Alpendirne

Als unerschrockener Liebe Pfand.

 

Emanuel Geibel.